Rosen zum Weltfrauentag

Allgemein, Gedanken, Politik

Es ist der 8.März. Weltfrauentag. Ich scrolle durch meinen Feed und werde überschwemmt mit Posts, die mir starke, schöne, selfloving Frauen zeigen. Karrierefrauen, Mütter, inspirierende Geschichten und Unternehmer:innen. Jede:r scheint sich heute dazu äußern zu wollen, wie wichtig Frauen in der Gesellschaft sind, was sie leisten, was vielleicht noch nicht ganz rund läuft. Phillip Amthor hat einen Strauß rote Rosen in der Hand. Die verteilt er traditionell am Weltfrauentag an Frauen in seinem Wahlkreis. Unter dem Bild bemerkt eine Frau, sie fände es weit hilfreicher, wenn er sich stattdessen beispielsweise für die Abschaffung des Artikels 219a aus dem Grundgesetzbuch einsetzen würde. Ich like ihren Kommentar. Irgendwie hat so ein Bild an einem Tag, der eigentlich der Aufklärung und dem Aufzeigen gesellschaftlicher Probleme und der immer noch herrschenden Gleichstellungs-ineffizienz dienen soll, einen bitteren Beigeschmack.

Und auch wenn ich weiß, dass es bestimmt eine nette Geste sein sollte, Wertschätzung durch Blumen auszudrücken an diesem Tag, und auch wenn ich selbst mich immer sehr über Blumengeschenke freue, fühlt sich dieses Bild irgendwie nicht gut an. Und trifft mich dieser Kommentar. Ich habe heute früh einen Beitrag zu gendergerechter Sprache auf mdr Kulutr gehört. Heute, am Weltfrauentag. Denn einen von 365 Tagen kann man dem Thema Gleichberechtigung widmen. Das ist in Ordnung. Ab morgen dann wieder Kommentare, dass die Männer in Führungspositionen nur dort sitzen, weil sie härter arbeiten als Frauen, so Detlev Spangenberg, Abgeordneter der AfD im Bundestag, der uns Frauen empfiehlt „es doch einfach mal mit Arbeit zu probieren“. Als wäre es kein strukturelles Problem, dass immer noch zu wenig Frauen Professor:innen, Chef:innen oder auch Politiker:innen im Bundestag werden. Als gäbe es keine bereinigte Gender Pay Gap von rund 6% (zeit.de, alle Quellen sind am Ende verlinkt). Irgendwie macht mich dieser Strauß Rosen heute ein bisschen wütend. Und irgendwie macht es mich auch ein bisschen wütend, dass sich unter dem Kommentar zu Artikel 219a Männer zu Wort melden, die Abtreibungen als Mord betiteln und anfangen, Personen, die abtreiben mit Nazis und dem Holocaust zu vergleichen. Und ganz sicher macht mich der Mann wütend, der auf meinen Beitrag dazu, dass das Recht über den eigenen Körper in allererster Linie bei der Person liegen sollte, die schwanger wird, antwortet, ich solle aufhören gequirlte Scheiße zu labern und dass Menschen wie ich es verdient hätten beleidigt zu werden. Menschen wie ich. Also Frauen und andere Personen, die ein Recht auf eigene Entscheidungen für den eigenen Körper und das eigene Leben fordern. Und im Prinzip ist Feminismus doch genau das. Das Recht auf Freiheit und auf Gleichheit. Und das Recht auf ein selbstbestimmtes Denken und Handeln. Ich möchte Männer nicht unterdrücken oder hassen und ich will auch niemandem etwas wegnehmen. Ich will nur nicht in einem Land leben, in dem mehr Oberbürgermeister Thomas heißen, als es überhaupt Frauen gibt, die Oberbürgermeister:innen sind (katapult-magazin.de). Ein Land, in dem nur ein Viertel aller Hochschulprofessor:innen Frauen sind (forschung-und-lehre.de) und in dem Frauen aufgrund von Arbeitsmarktstrukturen rund 46% weniger Rente bekommen als Männer (spiegel.de). Irgendwie kann ich nicht so recht glauben, dass das an der biologischen Faulheit meines Geschlechtes liegen soll. Und deshalb stören mich die Rosen in Phillip Amthors Hand, die auszusagen scheinen, dass es in Ordnung ist, Frauen an einem Tag im Jahr eine Blume zu schenken, wenn man sich dafür den Rest des Jahres politisch und gesellschaftlich nicht mit all den Problemen beschäftigen muss, die im Bereich Gender Equality schieflaufen. Sicher, wir sind in vielen Bereichen auf einem guten Weg. Seit 2020 werden Periodenprodukte nicht mehr wie Luxusgüter besteuert und europaweit ist der Gender Equality Index von 2005 bis 2015 von 62 auf rund 66 Punkte gestiegen (dw.com). Aber es gibt noch so viele Lücken zu schließen, so viele Bereiche, in denen wir weit davon entfernt sind Gender Equality zu erreichen, dass ein großer Strauß rote Rosen an einem Tag wie diesem eben nicht nur eine nette Geste ist – sondern ein fahler Beigeschmack und auch ein bisschen eine Versinnbildlichung dessen, warum Deutschland vielleicht im EU-Vergleich immer noch nur so mittelgut ist, wenn es um die Gleichstellung der Geschlechter und echte Anerkennung von Frauen geht. Also wenn wir den Weltfrauentag doch alle so wichtig finden, warum dann nicht einfach mal die Blumen weglassen und stattdessen zuhören? In der Politik und in der Gesellschaft. Zuhören, wo genau wir uns alle verbessern können, an welchen Stellschrauben es zu drehen gilt, was genau Sexismus alles ist, warum gendergerechte Sprache und gleiche Chancen in jedem Lebensbereich vielleicht ne gute Idee sind und wie es vielleicht klappen kann, dass wir uns irgendwann noch ein paar Prozente mehr steigen im Gender Equality Index.

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Im Text erwähnte Quellen
https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-12/gender-pay-gap-deutschland-statistisches-bundesamt (letzter Zugriff 09.03.2021)
https://katapult-magazin.de/de/artikel/artikel/fulltext/mehr-thomasse-als-buergermeisterinnen (letzter Zugriff 09.03.2021) /?fbclid=IwAR2D3vnXkhiFG42OkZpqgbT52AeQRhovrZniQqsBHPKgcB2H9eH2Yxu7EeQ
https://www.forschung-und-lehre.de/politik/drei-viertel-der-professuren-von-maennern-besetzt-1925/ (letzter Zugriff 09.03.2021)
https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/altersarmut-frauen-in-deutschland-laut-oecd-studie-besonders-stark-bedroht-a-1298512.html (letzter Zugriff 09.03.2021)
dw.de: https://www.dw.com/de/eu-studie-zu-gender-equality-deutschland-liegt-im-mittelfeld/a-40909650 (letzter Zugriff 09.03.2021)

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