Ich fluche gerade viel häufiger.

Allgemein, Gedanken

Es ist kalt geworden. Ich nehme zum Spazieren gehen heute lieber den dickeren Mantel vom Haken und schlinge einen Schal fest um den Hals, bevor ich aus der Haustür trete. Nach wenigen Metern fühlen sich meine Hände kalt an. Ich schiebe sie tief in die Manteltaschen und versuche ein wenig schneller zu gehen, damit mir warm wird. Ich bin noch ein kleines bisschen krank, vielleicht fröstel ich deshalb so schnell. Eine Angina hat mich für ein paar Wochen ins Couchpotatolife gezwungen. Wobei – eigentlich macht die Onlineuni das ja auch. Ich habe das Gefühl, mein Körper besteht zu 98 Prozent auch Ingwer-Salbei-Tee. Langsam denke ich, ich fange sogar an, danach zu riechen.

Mein Körper ergiebt sich quasi wehrlos den Umständen, in denen ich ihn platziere. Und die Jogginghose wird zu einer Art zweiten Haut. Mein Körper scheint Viren zu lieben. Oder die Viren lieben mich. So ganz genau weiß ich das nicht und vielleicht ist auch zumindest ein kleines bisschen die Psyche mit schuld daran, dass ich die zweite Erkältungserkrankung innerhalb von nicht einmal ganz zwei Monaten auskurriere. Auch ein bisschen deswegen habe ich mit stricken angefangen. Weil eine Freundin meinte, das entspannt. Noch so ein Vorteil von der Online-Uni. Ich kann mit ungewaschenen Haaren und eingedeckt mit Wärmflasche und Stricknadeln und Wolle der Vorlesung folgen. Und versuchen, nicht wieder eine Masche fallen zu lassen wie die blutige Anfängerin, die ich bin. Ein entschiedener Nachteil: Ich kann gerade nicht alle Leute knuddeln, die ich so gerne umarmen würde. Ich kann nicht einfach meine liebsten Freunde einladen und einen Abend vollgepackt mit gutem Essen, leckerem Wein und ganz viel Reden verbringen. Das geht jetzt erstmal nur über Skype. Eigentlich geht das schon eine ganze Weile nur über Skype. Und auch wenn ich nie die große Clubgängerin war, fehlt mir das irgendwie gerade ein bisschen. Es gibt einige Dinge, die mir fehlen. Ich gehe auch nicht mehr schwimmen. Schon seit letztem Winter, als es in den Nachrichten hieß, dieses neue Virus sei jetzt auch nach Deutschland eingeschwappt. Auf einmal gab es die ersten Fälle, dann die ersten zehn und viel zu bald die ersten tausend. Da habe ich aufgehört schwimmen zu gehen. Auch wenn ich während der Prüfungsphase sonst was gegeben hätte mir meinen Badeanzug und ein Handtuch zu schnappen, zur Schwimmhalle zu radeln und solange Bahnen zu ziehen, bis in meinem Kopf nur noch Leere herrscht und der einzig monoton wiederkehrende Gedanke in meinem viel zu vollgestopften Hirn die Nummer der Bahn ist, die ich gerade entlangziehe. Ich habe versucht, meine Studiendepression wegzuyogatherapieren. Nur leider hilft das bei mir anscheinend nur so zu 60 Prozent. Und dann denke ich, dass ich mich nicht beklagen will, weil es so viele Leute gibt, denen es schlechter geht. Familienbasierte Unternehmen, die aufgrund der zweiten Welle schließen müssen. Restaurants, die Leute entlassen. Studis, die ihren Nebenjob verlieren und plötzlich nicht mehr wissen, wo oben und unten ist. Es geht mir verdammt gut. Und deshalb beiße ich mir auf die Lippe und sage nichts. Aber die Wahrheit ist: Jede*r von uns macht grad eine echt doofe Zeit durch! Und jede*r von uns sollte das recht haben, immer mal wieder ein bisschen verzweifelt deswegen zu sein. Also fluche ich leise als ich eine Mail erhalte, dass die Uni jetzt doch komplett dicht macht. Obwohl ich natürlich weiß, dass das richtig und gut so ist. Und ein paar Tage später fluche ich noch einmal ganz laut, als meine wundervolle Freundin mir sagt, dass ihre Hochzeit im Januar ohne Gäste stattfinden wird. Wobei ich leise denke, dass ich im Januar sowieso nicht nach Frankreich hätte reisen können, um neben ihr am Traualtar zu stehen, so wie wir das eigentlich geplant hatten. Viel zu gefährlich bei den Zahlen. In Deutschland und in Frankreich. Viel zu gefährlich. Auch weil immer noch Demonstrationen stattfinden von Leuten, die dumm genug sind zu glauben, dass Bill Gates oder Angela Merkel oder who the fuck knows kleine Kinder isst und uns beim Impfen irgendwelche Chips einpfalnzen will. Ich verstehe das nicht. Und ich glaube, ich fluche in letzter Zeit viel häufiger. Zumindest kommt mir das so vor. Ich fluche über Coronaleugner*innen und über Masken-falsch-oder-gar-nicht-Träger*innen, über nicht funktionierende Online-Seminare und über die Angina, für die keiner was kann. Und ich denke viel mehr darüber nach, was richtig ist. Wo ich guten Gewissens hingehen kann. Wen ich guten Gewissens sehen kann. Spazieren gehen ist ok. Macht den Kopf frei. Und gibt angeblich ganz viel Vitamin D, auch wenn ich mich schwer damit tue, zwischen den roten feuchten Blättern und den Wolken, aus denen vor einer halben Stunde noch der Spätoktoberregen triefte, ein paar Strahlen Sonne zu entdecken. Das nächste Mal kann ich dann meinen ersten selber gestrickten Schal umbinden. Den mit den zwei fehlenden Maschen und den drei Reihen irgendwo in der Mitte, in denen ich rechts- und links-Stricken verwechselt habe.

Passt auf euch und auch auf alle anderen auf, wascht eure Hände (gründlich und mit heißen Wasser, sonst könnt ihr es nämlich auch lassen!) und passt auf, wie ihr eure Masken tragt. Und flucht ruhig mal. Ab und an. Wenn euch keiner hört. Das ist nämlich manchmal fast so befreiend wie schwimmen.

Alles Liebe,

Follow my blog with Bloglovin

PS: Unter dem „+“ am Ende der Seite könnt ihr meinen Blog kostenlos abonnieren. Hilft mir sehr und freut mich wirklich!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s