#Whataboutism

Lifestyle, Politik

Wenn ich mir meinen Kaffee to go bestelle und dann einen Pappbecher mit Plastikdeckel in die Hand gedrückt bekomme, weil ich meinen resuable cup zuhause vergessen habe, bin ich dann ein schlechter Mensch?
Wenn ich im Supermarkt eine Avocado kaufe und Erdbeeren im März, heißt das dann, ich kümmere mich nicht um die Umwelt?
Verspiele ich mein Recht, mich über Kreuzfahrtschiffe aufzuregen, wenn ich bei Amazon bestelle?
Und mache ich dieses Fehlverhalten wieder wett, wenn ich meinen Flug online kompensiere und Dienstags auf dem Markt die Bioaubergine aus Deutschland einkaufe?

Das sind Fragen, die ich mir tatsächlich stelle. Ganz ernsthaft. Ich argumentiere für eine grüne Politik, halte Geschwindigkeitsbegrenzungen für sinnvoll, Kreuzfahrten für absolut verbietenswert und erneuerbare Energien für die Zukunft. Aber ich vergesse auch andauernd das Licht auszumachen und wenn ich mir auf der Unitoilette die Hände wasche benutze ich häufig ein zweites Papiertaschentuch, weil ich das Gefühl habe, meine Hände sind sonst noch feucht und klebrig.
Wie viel whataboutism ist verträglich? Und ist das überhaupt wünschenswert? Machen wir uns damit nicht nur selbst fertig?
Uns allen wurde ein Bewusstsein geschaffen vor dieser letzten Wahl. Spätestens. Durch Greta Thunberg, Fridays for future und co. Nie war der Umweltschutz so präsent in den Köpfen, nie war er wichtiger. Aber die „grüne Welle“ birgt auch Konfliktpotential. Lobe ich ihn, weil er im Café der Bedienung zur Bestellung den eigenen mitgebrachten Becher über die Theke reicht? Oder verurteile ich ihn dafür, dass draußen vor dem Laden das Auto steht, mit dem er jeden Tag zur Arbeit fährt, obwohl er da auch mit der Bahn hinkäme? Like ich ihr Bild und nehme ihren Blogeintrag zu nachhaltiger Mode als Inspiration und Ansporn für meinen eigenen Alltag, oder hate ich ihr Profil für den Bali-Urlaub inklusive Fernflug im letzten Sommer? Kompensiere ich meinen Flug und fahre Fahrrad, kaufe nur noch regional und saisonal ein, erwerbe im Geschäft nachhaltige Mode und heize nur noch, wenn es gar nicht mehr anders geht? Funktioniert das überhaupt? Kann ich perfekt grün sein? Kann das irgend jemand? Ich befürchte nein.
Aber das heißt nicht, dass man nichts tun kann oder sollte. Wir müssen sogar agieren. Jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten. Der eine wird Vegetarier fürs Klima, der nächste fährt im Sommer lieber in Nachbarländer oder Deutschland zu schönen Orten, als ins Flugzeug zu steigen. Und wieder ein anderer installiert Solarpannels auf dem Dach und kauft nur noch regionales Gemüse und Obst vom Wochenmarkt. Es gibt viele Möglichkeiten, etwas Gutes zu tun. Und zweifellos ist genau das eine der prägenden Aufgaben der Politik aktuell. Doch niemand wird perfekt, nur weil wir uns moralisch über ihn stellen, weil er online bestellt hat und wir nicht. Wir setzen uns nur gegenseitig unter Druck, wo wir uns doch eigentlich gegenseitig motivieren sollten. Natürlich ist es umweltpolitisch ein schwieriger Standpunkt, den Vielfliegeralltag moralisch ausbügeln zu wollen, indem ich zum Vegetarier werde. Und natürlich sind auch zehn Coffee to go für die Ökobilanz ein entschieden geringeres Problem, als eine einzige Onlinebestellung. Natürlich müssen wir weniger fliegen, weniger Autofahren, keine Kreuzfahrten mehr buchen.
Aber das ist ein Bewusstsein, das jeder selbst oder durch positive Kritik von außen erlangen sollte. Nur so werden wir uns trauen, zu zeigen was wir tun und andere damit anstecken. Wenn wir nicht befürchten müssen, im selben Atemzug für einen völlig anderen Punkt angegriffen zu werden. Wir müssen uns Fehler erlauben. Denn nur so werden wir sie in Zukunft vermeiden. Und vielleicht können dann wirklich in Zukunft viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun das Gesicht der Welt verändern.

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3 Gedanken zu “#Whataboutism

  1. So wichtige Worte! Ich stelle mir of ganz ähnliche Fragen 🌏 Ich glaube, wir können nun mal nicht Alles richtig machen. Es geht darum, bewusst zu leben und einen kleinen Teil zu einer besseren Welt beizutragen – nicht darum, Alles perfekt zu machen 🙆🏼‍♀️

    Gefällt 1 Person

  2. Hervorragend geschrieben!

    Es stimmt halt: Niemand ist perfekt!

    Und deshalb hat es mich auch so gestört, dass Menschen anfangen, die jungen Leute bei den „fridays for future“-Demos dahingehend zu kritisieren, als sie behaupteten, dann müssten die Demo-Teilnehmer auch auf das immer neueste Smartphone und viele andere Dinge verzichten. Nein, müssen sie nicht!

    Niemand muss päpstlicher sein als der Papst, man darf durchaus Dinge kritisieren, auch wenn man sich selbst nicht untadelig verhält. Begründete Kritik an der Klimapolitik darf man nicht nur äußern, wenn man ein einsiedlerischer Selbstversorger in einem Bunker aus nachwachsenden Rohstoffen ist!

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