Zweiter Frühling

Lifestyle

Er nimmt jeden Tag den gleichen Bus. Immer 15:46 Uhr. Stetig der gleiche Ablauf. Derselbe Rhythmus. Er mag das. Diese Routine. Er kennt den Busfahrer. Nicht persönlich natürlich. Wie man jemanden eben kennt, den man jeden Tag sieht und zu dem man eigentlich keine tiefschürfende Beziehung führt. Man grüßt sich freundlich, lächelt sich an. „Wie gehts denn so?“ – „Ach Sie wissen doch. Es geht schon. Es geht schon.“ Er lacht und zwinkert. „Wieder eine Einzelfahrt?“ – „Sie kennen mich gut.“ -„Wollen Sie sich nicht langsam mal eine Dauerkarte zulegen? Sie könnten viel Geld sparen.“ Das rät er ihm ständig. Er zuckt nur schuldbewusst die Achseln. „Cape diem. Oder? We weiß, vlt. geht die Welt morgen unter, da werde ich mich doch nicht wegen 40Cent mehr am Tag krummlegen.“ In Wahrheit sollte er die vierzig Cent eigentlich sparen. Sein Großvater pflegte immer zu sagen „Eine Mark haben oder nicht haben macht schon zwei Mark.“ Aber er ist so vergesslich, dass es ihn nicht wirklich kümmert und außerdem, denkt er, wer hat in seinem Alter schon groß Geld? Der Busfahrer lächelt nur über diese naive Kindskopf Aussage und er geht ein Stück nach hinten durch den Bus. Zwei Haltestellen weiter steigt sie ein. Ungefähr sein Alter. Eine Einkaufstüte in der Hand, die Tasche lässig über den Arm geworfen. Sie fragt, ob sie sich setzen dürfe und lächelt ihn an und er zieht die Beine ein bisschen ein, damit sie Platz hat und ist plötzlich um Worte verlegen. Dabei weiß er doch sonst immer, was er sagen soll. Hat stets einen kecken Spruch auf den Lippen, scherzt mit jedem, der ihm über den Weg läuft. Komm schon, denkt er sich, du hast schon tausend Frauen angesprochen. Frag sie halt, seit wann eine so hübsche junge Frau ihre schwere Einkaufstasche selbst nach Hause tragen muss. Das hätte sie bestimmt zum Lachen gebracht. Doch er bringt kein Wort über die Lippen und als sie fünfzehn Minuten später aussteigt, ist sein Mund noch immer ganz trocken.
Am nächsten Tag steigt sie wieder ein. Wieder zwei Haltestellen nach ihm. Wieder setzt sie sich ihm gegenüber. Und wieder sagt er kein Wort, bis sie fünfzehn Minuten später den Bus verlässt. Von da an ist es jeden Tag das Gleiche. Doch egal wie viele Tage vergehen, er schafft es einfach nicht, sie anzusprechen. Im Laufe der Zeit fallen ihm Kleinigkeiten auf. Sie trägt ein altes Parfum, schwer und trotzdem irgendwie blumig, wie ein sehr alter Rosengarten. Merkwürdig. Aber auch irgendwie niedlich, findet er. Sie hat immer die gleiche Tasche um. Schwarzes Leder mit einem langen Hänkel, damit sie sie quer über den schlanken Körper hängen kann. Sie hat gepflegte Nägel und sie trägt die krausen Haare stets offen. Ihr gemusterter Mantel hat vorne am mittleren Knopf einen losen Faden, den sie einfach nicht zu bemerken scheint. Es macht ihn schier wahnsinnig. Er hat eine leicht neurotische Seite. In der zweiten Woche hat sie angefangen, ihn zu grüßen. Seit Woche drei grüßt er zurück.
Ein paar Monate nach der ersten Begegnung, an einem verregneten Dienstag 15:49 Uhr ist ihre Haltestelle leer. Nur ein Penner mit einem Hund, der den ganzen Bus vollstinkt setzt sich ganz hinten rein. Von ihr keine Spur. Er bemerkt, wie sich seine Laune umgehend dem Wetter anpasst.
Wenn er jetzt den Bus nimmt, macht er keine Witze mehr mit dem Fahrer. Er kauft sich eine Monatskarte. Und er steigt ab jetzt hinten ein, damit er mit niemandem mehr reden muss. Wenn sie an ihrer Haltestelle vorbeifahren stellt er sich vor, sie säße dort vorn und male ihren Namen in die beschlagene Scheibe. Er hat sie noch nicht mal gefragt, wie sie heißt. Ob sie Museen mag? Oder Spaziergänge am Flussufer? Oder trifft sie sich lieber mit Freundinnen und lässt sich zuhause auf der Couch die Füße massieren?
Es ist ein Sonntag im Mai, als er sie wiedertrifft. Da stehen sie plötzlich. Sie in ihrem bunten Mantel mit dem losen Faden und er mit einem Strauß Blumen in der Hand. Er wollte ihn gerade ablegen, da hat sie ihm auf die Schulter getippt. „Hallo“, sagt sie. „Guten Tag.“, gibt er verdattert zurück. „Was tun Sie denn hier?“ – „Ich habe meinen Mann besucht.“ – „Das tut mir leid.“ – „Ach das muss es nicht. Er ist ja schon so lange fort. Ihre Frau?“, fragt sie und nickt zu dem Grab, an dem er steht. „Ja.“, gibt er zurück.
Sie reden noch eine Weile, über ihre verstorbenen Partner und über das Leben allein. Und als sie schließlich nach draußen gehen fragt er Elfriede (inzwischen weiß er ihren Namen), weshalb sie nicht mehr im Bus saß. „Ich hatte eine Operation an der Hüfte.“, erklärt sie und bekommt einen leicht traurigen Gesichtsausdruck. „Und danach hat der Arzt gesagt, ich könne meinen Garten wohl nicht mehr in dem Maße bewirtschaften, wie ich es vor der Operation gemacht habe. Ich solle die Erdbeer- und Kartoffelbeete lieber gegen eine schöne Blumenwiese tauschen. Aber dafür ist mir mein Gärtchen zu schade. Einen Klappstuhl kann ich mir auch im Stadtpark aufbauen. Und da hab ich ihn eben verkauft. Und jetzt fahre ich nicht mehr in die Ecke.“ Er sagt ihr, er habe einen kleinen Garten am Haus. Seine Frau habe ihn damals angelegt. Kartoffeln und Erdbeeren habe er zwar nicht, aber einen schönen alten Pflaumenbaum und ein wirklich hübsches, wenn auch etwas beengtes Kräuterbeet. Und wenn ihr das Unkraut zupfen fehle, könne sie gern ab und an vorbeikommen und ihm zur Hand gehen. Er werde sie auch mit dem besten Kaffee bezahlen, den sie je gekostet hat.
Seit diesem Tage kommt sie jede Woche zum Kaffee. Und nach ein paar sonnigen Monaten schließlich, tut sie es ihrem Gartengerät gleich und bleibt.
Es ist Sonntag. Sie haben Blumen gekauft. Und nach dem Friedhof gibt es Kaffee.

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